desolation row // part ii


Short Stories / Saturday, February 27th, 2021

Dieser Text wurde bereits auf der Seite des Aargauer Literaturhauses publiziert, er ist enstanden während der Textstatt 2020.

Natürlich habe ich sie nicht mehr gefunden. Solche Dinge passieren nur in Büchern, und nicht mal da immer. Herumgeirrt bin ich, durch die Altstadt, vorbei an den Läden und dem Park, habe in die Gesichter der Menschen geschaut, die draussen vor den Cafés an einem Tischchen sassen und die Sonne auf sich schienen liessen, habe sogar kurz in den einen oder anderen Laden geschaut auf der Suche nach Stelzenbein, aber: nichts. Sie blieb verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt, als hätte sie gar nie existiert, ausser im Bistro drin – eine Apparition, ein Hologramm vielleicht, welches verschwindet, sobald die Sonne darauf scheint. Und doch. Das Notizbuch. Es ist Beweis dafür, dass es sie geben muss.  Es scheint in dem Falle wohl an mir zu liegen, muss ich daraus schliessen, diese Unart der Menschen, zu verschwinden, sich aus dem Staub zu machen, bevor ich es merke. Und wenn der Staub sich dann gelegt hat und ich das letzte Sandkorn aus meinen Augen gerieben habe, bleibt nur der Asphalt vor mir und die Kakteen, eine wüste Wüste in mir drin, und draussen, und der Staub bleibt liegen, und ich stehe auf.

Ich habe mich nicht getraut, in das Notizbuch reinzuschauen. Feigling. Aber ich spüre es in meiner Tasche während dem Gehen, das kleine Büchlein. Wieso ich es zur Arbeit mitgenommen habe, das weiss ich auch nicht genau. Vielleicht habe ich eine leise Hoffnung, dass sie da ist. Stell dir vor, ich laufe auf das Schulhaus zu und da steht sie, lässig an die Wand gelehnt mit verschränkten Armen, das wär’ doch was. Und ich könnte der Held sein, könnte galant das kleine Büchlein hervorziehen und sogar ohne schlechtes Gewissen sagen: „Ich hab’s nicht gelesen, Ehrenwort.“ Und sie würde mir vielleicht spontan um den Hals fallen vor Dankbarkeit und würde dann davonstelzen, und ich wüsste, dass ich es gut gemacht habe, dass ich es richtig gemacht habe.

Aber natürlich ist sie nicht da. Der Pausenplatz ist leer, der Himmel wolkenverhangen, heute merkt man, dass es langsam Herbst wird. Es riecht danach, hier in der Stadt, und nach den Zuckerrüben, die ab Oktober jeweils zu Zucker verarbeitet werden, etwas ausserhalb der Stadt, in der Zuckeri.

Wäre ja noch schöner. Sie weiss ja gar nicht wo ich arbeite. Das passiert mir öfters, ist mir früher schon passiert; dass ich etwas erwarte, ohne vorher kurz zu überlegen, wie unwahrscheinlich meine Erwartung ist. Ist nicht gut fürs Gemüt, so was.

„Was ist denn dir über die Leber gelaufen?“ fragt Ilona, als ich das Büro betrete. Ilona meint es gut, sie ist eine Liebe, aber sie redet ständig, sie kann gar nicht aufhören manchmal. Sie redet viel lieber, als dass sie arbeitet. Bei mir ist’s grad umgekehrt, das ist ein bisschen ein Problem zwischen Ilona und mir.

„Nichts,“ sage ich. „Wie geht’s deiner Nichte?“ Ilonas Augen werden feucht und ich schäme mich.

„Sie ist noch immer im Spital.“ Mehr sagt sie dazu nicht und ich frage auch nicht nach. Ich habe es ohne Nachdenken gesagt, es hat mich gar nicht interessiert, wie es ihrer Nichte geht. Ich wollte nur, dass sie nicht loslegt, mit dem Reden und dem Nachbohren.

Also setze ich mich an den Schreibtisch und versuche, nicht zu sehr darüber nachzudenken, dass Ilonas Augen wahrscheinlich immer noch feucht sind. Ich kontrolliere den Mail-Account, für dessen Existenz es genau genommen nicht viele Gründe gibt. Die einzigen zwei Personen, welche mir Mails schreiben wollen würden, sind der Rektor und Frau Kleinlich, und die können gerade so gut den Gang überqueren und mir persönlich sagen, was auch immer sie zu sagen haben, denn ihr Büro liegt gegenüber von unserem.

Keine Mail heute.

Ich tippe mit den Fingern auf den Tisch; was tun? Die ersten paar Minuten am Tag sind immer trügerisch ruhig, ich könnte einen Kaffee holen, aber ich weiss genau, dass ab 8 Uhr das Telefon klingelt und Herr Raschein meine Hilfe benötigt bei allerlei technischen Schwierigkeiten, das Verbinden des Schulcomputers mit dem Beamer, zum Beispiel, oder Frau Prenkajs Lavabo wieder verstopft worden ist von ihrem Sorgenschüler mit der grossen Zahnlücke, und dann, wenn ich zurückkomme, ist der Kaffee kalt. Nein, nein, das lasse ich schön sein mit dem Kaffee. vielleicht habe ich ja in der 10 Uhr Pause Zeit dafür.

Und so vergeht ein weiterer Tag im Schulhaus, den Mittag verbringe ich im Büro, mit den Resten vom Nachtessen zum Zmittag, unaufgewärmt. Es gäbe sogar eine Mikrowelle, aber dafür müsste ich in die Mensa und durch all die schnatternden Schülerinnen, und vorbei am Lehrertisch, an dem viele wichtige Themen besprochen werden, zu denen ich nichts beitragen kann. Das restliche Personal darf eigentlich auch an den Lehrertisch sitzen, das wurde mir stolz vom Rektor erklärt an meinem ersten Tag. Er hat zufrieden ausgesehen mit sich. „Eigentlich,“ hat er gesagt. Eigentlich darf das restliche Personal auch an den Lehrertisch sitzen, aber halt eigentlich lieber nicht. Aber eigentlich dürft ihr schon. Aus Trotz habe ich es gemacht, mein ganzes erstes Jahr hier. Die Lehrerschaft war sehr nett, alle interessiert an mir, aber nachdem die offensichtlichen Fragen aus dem Weg geschafft waren (von wo/wie viele Kinder/Zivilstand/Hobbies?), hatten wir uns irgendwie nicht mehr viel zu sagen. Trotzdem bin ich jeden Tag dazugesessen, aus Protest, vielleicht auch, um sie zu nerven, niemand wollte gerne neben mir sitzen, weil sie dann jemand Griesgrämigen sitzen hatten zwischen sich und dort, wo die Diskussion passiert.

Irgendwann habe ich aufgegeben. Man muss seine Kämpfe weise wählen.

Also esse ich meinen kalten Reis mit Erbsen und Rüebli-Stücken in meinem Büro, ist gar nicht so schlimm, aber ich wünschte, ich hätte etwas Sriracha mitgenommen, dann würde es weniger nach Reis schmecken und mehr nach scharf. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert, und wenn man sich seinen Sriracha nicht selber mitnimmt, dann hat man auch keinen, so einfach ist’s.

Nach dem Mittag fragt Ilona, ob ich nach Feierabend mitkommen möchte in ihre Kirche.

„Hä?“

„Kirche? Grosses Haus mit Turm und grosser Uhr, manchmal etwas laut, zur vollen Stunde?“ Sie sagt es ohne aufzuschauen, denn sie ist gerade im Begriff, ihre langen Fingernägel neu zu lackieren, rot, mit akribischer Präzision.

„Ah ja, jetzt kommt’s wieder, danke. Und wieso soll ich da mitkommen?“

Ilona zuckt die Achseln. „Du scheinst etwas Aufmunterung gebrauchen zu können.“

„Aufmunterung? In einer Kirche? Da könnte ich ja gleich ins Krematorium gehen zur Erheiterung, oder ins Krankenhaus zum Spass. Oder ins ewige Fegefeuer herabsteigen, das wäre doch was, dann müsste ich die Kirche gar nie mehr betreten, sondern könnte gleich ohne Intermediär für mein Sünderdasein Busse tun, ewiger Tanz auf den Holzkohlen.“ Ilona schaut nun doch auf und zieht eine Augenbraue hoch. Sie zuckt die Schultern. „Was auch immer dir hilft.“ Dann bemalt sie weiter ihre Nägel.

Ich bin konsterniert. Ich möchte, dass sie mich nochmal fragt, dass sie mich bittet, dorthin schleppt, zur Kirche, und dass da ein ganzer Kreis ist von gutherzigen Menschen, mit denen man singt und nach dem Gottesdienst zusammen das Brot bricht, erkennt sie denn nicht, dass sie mich nochmal fragen muss? Aber sie fragt nicht nochmal, und um 17 Uhr packt sie ihre Sachen zusammen, fährt den Computer herunter und geht.

„Schönen Abend dir,“ sagt sie, nicht unfreundlich, mit einem etwas längeren Blick als gewöhnlich.

„Danke Ilona, geniess das Fegefeuer.“

Sie nickt knapp, dann ist sie aus der Türe.

Wieso habe ich das gesagt? Ich verstehe mich manchmal selbst nicht, ich möchte den Kontakt, ich möchte Leute um mich herum, wenn ich alleine bin, und wenn ich dann um Leute bin, dann fühle ich mich oft wütend, ob auf sie oder auf mich, das weiss ich gar nicht. Und dann, wenn ich wieder alleine bin, dann verstehe ich nicht, wieso jemand wie ich so oft alleine ist. Früher, bevor ich meine erste Freundin kennengelernt habe, nicht die imaginäre Joni Mitchell-Freundin, sondern Kati, meine wirkliche erste Freundin, da habe ich mich jeweils wirklich gefragt, was an mir fehlt. Ich fand mich selbst ein prima Typ; lustig, nett, ganz passabel aussehend, durchschnittlich halt, mit einem ansehnlichen Wissen über Koi Fische und Rockmusik der 70er Jahre. Ich verstand nicht, woran es fehlt. Später, irgendwann einmal, habe ich das Kati erzählt. Und sie hat gemeint, man könne halt nicht erwarten, dass es im Umkreis von 30 Kilometern vom Ort, in dem man aufwächst, jemanden hat, der kompatibel ist mit einem. Statistisch gesehen sei das wohl eher unwahrscheinlich, wenn sie so darüber nachdenke.

An das denke ich heute manchmal.

Und darüber, meinen Radius zu erweitern.

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